Von zahnlosen Paragrafen und skurrilen Auszeichnungen

Kommentar zum „Goldenen Windbeutel“ 2014

Als durchaus kreativ hat sich Foodwatch bei der Schaffung einer auf die Thematik zugeschnittenen Trophäe erwiesen. Den „Goldenen Windbeutel“ übergibt die Verbraucherorganisation jährlich an Unternehmen, die ihre Produkte in besonders dreister Weise am Werbemarkt in Szene setzen. Der Preisträger kann sich gewiss sein, von einer breit aufgestellten und damit repräsentativen, fairen Fachjury gewählt worden zu sein – die Organisation lässt interessierte Konsumenten mittels Voting entscheiden. Die originelle Verleihung dieses Negativpreises hat natürlich das Ziel, mediale Aufmerksamkeit zu erregen und die Unternehmen zu einer gewissen Werbemoral hinzuführen.

Die nunmehr sechste Vergabe dieses Preises hat aber klar aufgezeigt, dass für ethische Grundsätze in der Werbung oft kein Platz ist. Foodwatch hatte wohl bereits beim Auflisten der sechs diesjährigen Wahlvorschläge selbst die Qual der Wahl, bevor man das Publikum den endgültigen „Sieger“ bestimmen ließ. Dieser hat heuer das Kunststück geschafft, Konzerne wie Coca Cola und Unilever hinter sich zu lassen. Letzterem blieb der Platz an der Spitze sogar erspart, obwohl eine Hühnersuppe ohne Hühnerfleisch angeboten wird. Die „Gunst“ der Wähler hat sich 2014 Nestlé mit seinem Produkt Alete gesichert, weil die dreiste Masche hier auch noch an unschuldigen Endverbrauchern ausgeübt wird, was zusätzliche Emotion schürt. Der Werbebotschaft zufolge fördere diese Nestlé-Babynahrung die Darmflora, während Kinderärzte auf die wissenschaftliche Faktenlage hinweisen: Demnach zeigt sich bei Alete eine kariesfördernde Wirkung, zudem droht Überfütterung.

Obwohl das Foodwatch-Ranking wie am aktuellen Beispiel der FAZ vom 1. Oktober 2014 jedes Jahr medial kommuniziert wird, was bestimmt kein gutes Licht auf das Image der betroffenen Konzerne wirft, entwickelt sich bei den Sitten kaum etwas zum Besseren. Deshalb sei an dieser Stelle die Frage aufgeworfen, ob die gesetzlichen Richtlinien der Werbung ausreichend sind. Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb behandelt schließlich den sogenannten „Wahrheitsgrundsatz“ der Werbung. Es wäre daher nur logisch, müssten sich Preisträger Nestlé und auch alle anderen Nominierten einem juristischen Verfahren zu der Sache stellen. Gesetzestexte sind meist sehr präzise ausformuliert, um möglichst allen Eventualitäten die entsprechenden Antworten zu liefern. Nicht selten sind daher nur profunde Kenner in der Lage, das juristische Deutsch richtig zu entschlüsseln und fallbezogen anzuwenden. In diesem speziellen Fall bietet sich aber eine Durchsicht in die gegensätzliche Richtung an, womöglich ist der Gesetzestext von Paragraf drei im deutschen Gesetz zu unlauterem Wettbewerb in gewissen Passagen sogar noch zu schwammig formuliert.

Die Politik ist gefordert, an den richtigen Stellschrauben zu drehen und gegebenenfalls entsprechende Abänderungen am Gesetz vorzunehmen. Die Richtlinien müssen offenbar verschärft werden, um einem neuen Zeitgeist am Werbemarkt seine moralischen Grenzen aufzuzeigen. Wenn in diese Richtung Fortschritte gelingen, wird das zunächst vermutlich wahrgenommen, indem sich Klagen häufen. Langfristig könnte man wohl auch dann von einem Erfolg sprechen, wenn es für Foodwatch einmal schwieriger wird, sechs Nominierungen für das Voting zum Negativpreis aufzulisten. Man darf gespannt sein, ob sich die Titelanwärter weiterhin derartig aufdrängen. Jetzt gilt es aber, dem ohnehin geläufigen Wort „Wahrheitsgrundsatz“ seine Bedeutung zurückzugeben.

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